7.00 Uhr an einem Sonntag morgen. Der Wecker klingelt. Nachdem ich mich wieder an die aufrechte Lebensweise gewöhnt hatte begann ich mit Ursachenforschung.
Gestern Abend war alles wie immer wir sind zu unserem favorite Beerdealer gegangen, haben da Leute getroffen, von denen wir sogar welche kannten und haben mit ihnen dann 3 Kisten Bia Hanoi platt gemacht. Da ist dann wohl irgendwer von denen auf die Idee gekommen uns zum Frühstück einzuladen. Irgendein Vollidiot muss dann auch noch ja gesagt haben. Da kommt schon einer von denen … und geht wortlos aufs Klo. Naja war ich wahrscheinlich auch dabei bei den Jasagern und jetzt sitzen wir eh alle im gleichen Boot.
Unsere Verabredung um halb acht kommt um kurz nach acht, aber das sind ja schließlich Vietnamesen, und, dass wir auch nicht pünktlich waren brauche ich wohl kaum zusagen. Nach dem obligatorischen Händegeschüttel ( jeder mit jedem und am besten 2 mal ) wird ein paar mal kräftig in unsere 3 Minsk getreten und dann mit einem Lärm, der den stärksten Kater aus dem Hirn pustet, hinter den Scooter her ein mal durch das Dorf geknattert.
Angekommen, in einer der vielzähligen Frühstücksgaragen und Hinterhöfe, werden ein paar kniehohe Plastiktische zusammen geschoben und jeder der inzwischen auf wundersame weise größer gewordenen Gruppe, setzt sich unter heftigem Händegeschüttel auf einen der Miniplastikhocker. Dann stellt die Bedienung zwei Flaschen Reisschnaps auf den Tisch und der, der am besten Englisch kann die andern vor. Manche sind mir schon vom Vorabend bekannt, habe aber trotzdem genau so wenig Ahnung wer mir gerade einen doppelten Reisschnaps einschenkt wie letzte Nacht und denke, wenigstens gibt’s gleich essen. Beim vorstellen wird sehr viel gelacht, da es beiderseits unmöglich ist die Namen korrekt auszusprechen geschweige den im Kopf zu behalten und die Hände werden natürlich auch geschüttelt. Man kann so einen weißen anscheinend gar nicht oft genug anfassen. Danach wird aufgestanden, die Gläser aneinander gehauen und jedem mehrmals gute Gesundheit gewünscht. Leere Gläser auf den Tisch, Hände schütteln, hinsetzten und dann gibt’s essen.
Mein Einstiegsgedanke „zum Glück gibt’s gleich was zum essen.“ gabelt sich kurz in 2 äste, erstens: „oh Gott der verdammte Schnaps, es ist doch erst kurz nach acht!“ und „jummy, was ist das denn da auf dem Tisch???“, um sich dann wieder zu „einfach runter damit, man ist ja nicht unhöflich.“ zusammen zufügen.
Pro Tisch wurde ein großer Teller gekochter Darm – und Magenstückchen und was man sonst noch so aus den Innereien eines Tieres, nennen wir es einfach einmal „Tier X“ machen kann bereitgestellt. Doch bevor man an diese Köstlichkeiten ran darf bekommt jeder erstmal ein kleines Schüsselchen voller rotem etwas. Hierbei handelt es sich um das bis zum Aggregatzustand (s ) gerührten Blutes des Tieres X, garniert mit ein paar Erdnüssen und einem Stück Leber.
Jeder nimmt ein Stückchen etwas auf seinen Löffel, hält aber kurz vor dem Mund inne um gespannt auf unsere Reaktion zu warten…. wir verziehen unsere Gesichter. Dicht gefolgt herzhaftem Gelächter. Das so schön glänzende und einförmig fest gerührte Blut ist nur Fassade, besser gesagt Tarnung für die zahlreichen Knochen und Knorpel Splitter, die allein durch ihre Konsistens den Genuss stark einschränken. Geschmacklich erinnert das ganze eher an Wasser, das zu lange in einer alten Blechkanne gestanden hat und mit ein paar Kräutern versehen wurde… und Knochenstückchen eben. Mein blick schweift Richtung Küche ( die ecke des Raumes in der ein Kohlefeuer schwelt ) und mir wird klar warum die Oma da mit einem kleinen Beil und schnellen starken Hieben auf den Gliedmaßen verschiedener toter Tiere herum drischt.
Darauf wird erstmal einer getrunken. Aufstehen, Händeschütteln und so weiter.
Einige male Händeschütteln später war ich immerhin schon fast bis zur Hälfte meiner Schüssel gekommen, während sich die umsitzenden Vietnamesen bereits munter an der großen platte Gedärmen gütlich taten. Sie erließen uns großzügiger weise die zweite Hälfte der Vorspeise und wir durften auch an den weißgrauen, sehr lange gekochten Muskelstrang.
Nach den ersten fünf, daumenlangen, Stückchen Zwölffingerdarm bemerkte Paul: „ ab dem 15. mal kauen wird’s irgendwie bitter.“ folglich war die beste Lösung um die zehn Flaschen Selbstgebrannten, die wir im laufe der zeit zu 8 getrunken haben zu verdünnen den Darm weitestgehend ungekaut zu schlucken und dem eigenen Darm dann die Zerkleinerung zu überlassen. Ich will dem gemeinen Schweinedarm allerdings nicht komplett unrecht tun, da er wie, wir ein paar tage später erfahren durften, im gegrillten zustand ein vorzügliches Abendessen abgibt. Aber zum Frühstück hab ich das wirklich nicht gebraucht…
Zum Glück wird aus Innereien auch in Vietnam eine uns bekannte speise zubereitet, die Leberwurst. Nachdem sich dann alle satt gegessen hatten haben wir den Schnaps mit grünem Tee runter gespült, sind heim gefahren und haben uns wieder schlafen gelegt.
Dann gab es Abendessen.
Dass betrunkenen Leuten in der Regel nie etwas ernsthaft schlimmes widerfährt, egal wie hoch der Haufen Scheiße ist, den sie in ihrem jeweiligen zustand des Deliriums bauen, ist eine zumindest unter den mir bekannten Leuten weit verbreitete und teilweise durch harte Fakten belegte Theorie.
Nachdem ich inzwischen schon etwas mehr als ein halbes Jahr in Vietnam mit den Vietnamesen zusammen gelebt und gearbeitet habe, habe ich sie in die Gruppe der „Unzerstörbaren“ eingeschlossen. Will heißen: Betrunkenen und Vietnamesen passiert nichts, oder zumindest weniger. Und Vietnamesen benötigen dafür nicht einmal die lebensrettende Kraft des Alkohols. Es scheint sich viel mehr um ein durch über Generationen hinweg praktiziertes „handeln ohne weiteres nachdenken“ erworbenes können zu handeln.
In einem Buch, über die reisen eines anderen in süd – ost – Asien, das ich gelesen haben, hat der Autor ein Kapitel mit der Überschrift:“ Vietnam; ein lebenslanges Provisorium“ versehen. Darin beschreibt er einigen mir sehr vertraute Dinge, bezieht den Titel jedoch hauptsächlich auf die politischen Verhältnissen seiner zeit, den späten 60er Jahren. Die politischen Verhältnisse haben sich geändert. Gravierend sogar. Der „vietnamese way of life“ ist der gleiche geblieben.
Hier einige von außen betrachtet recht lustige aber manchmal etwas nachdenklich stimmende, vollkommen normale Situationen aus dem vietnamesischen Alltagsleben.
Besonders der Umgang mit Dingen die westlichen Kindern schon im frühesten Stadium des selbstständigen Lernens als absolut gefährlich und auf jeden Fall ernstzunehmend beigebracht werden ist … ähhhh … anders.
Ein Beispiel; der Straßenverkehr. Gut dass die Vietnamesen alle fahren wie die Bekloppten hat wahrscheinlich schon jeder gehört und spätestens nach dem ersten Monat hat man sich auch daran gewöhnt bzw. ein System der gegenseitigen Rücksichtnahme entdeckt, das sich einfach ein wenig von dem gewohnten unterscheidet. Auch, dass so gut wie niemand, nicht einmal Busfahrer, einen Führerschein besitzt und die Polizei daraus ein recht lukratives Geschäft gemacht hat, ist akzeptabel, besonders da ich auch zu dem Kunden de Polizei gehöre. Als dann aber der Bus in dem ich gerade saß immer langsamer wurde und ich nach kurzem suchen feststellte, dass der Fahrer einfach mal eingeschlafen war und nur nach 2 minütiger Standgasfahrt in Richtung Straßenrand, durch einen schlag auf den Hinterkopf aufgeweckt werden konnte wurde mir schon etwas mulmig. Er hat dann aber auch gleich das Gas wieder ans Bodenblech getackert um allen zu zeigen, dass er noch vollkommen fahrtüchtig ist.
Eng verknüpft mit dem Straßenverkehr ist das verhalten an Tankstellen. Da war ich dann ehrlich froh, als der Tankwart, bevor er den Strudel aus Benzin und Luft in meinen Tank schießen ließ, seine Zigarette aus dem Mundwinkel genommen und auf der Zapfsäule abgelegt hat. Sonst hätte ja noch was passieren können!!!
Ebenfalls in den Bereich „gefährlich“ fällt Elektrizität. So hat der Elektriker in der Wohnung eines Freundes von mir, dem ständig die Sicherungen durchgebrannt sind, messerscharf geschlossen, dass diese folglich die Schwachstellen in der Schaltung darstellen und sie kurzer Hand mit einem dicken Stück Draht überbrückt.
Ähnliches wiederfuhr mir, als ich, um eine einfache Lampe wieder in Gang zu bringen, den verschmorten und dadurch von Isolation befreiten ( was auch immer damit angestellt wurde ) teil aus dem Kabel herausgeschnitten hatte und um die enden wieder zu verbinden unseren koch und Securityguard, Mr. Tinh, nach etwas Isolierband fragte. Da er ausschließlich Vietnamesisch spricht, verstand ich zwar kein Wort, konnte seinen Handbewegungen aber so etwas wie „siehe und lerne“ entnehmen. Und ich meine, hey wer braucht schon Isolierband, wenn er die Plastikverpackung des Toilettenpapiers und ein Feuerzeug hat. Die 230V Netzspannung fließen bis heute.
Ganz aktuell: letzte Woche sind 2 neue freiwillige aus Deutschland angekommen. Anlässlich dieses feierlichen Augenblicks wurde von Mr. Tinh die bereits seit 4 Monaten kaputte Neonröhre in ihrem zimmer ausgetauscht und dann auch gleich, um sie in den Mülleimer zu bekommen, bei uns im Hinterhof in kleine Stücke zerdroschen. Wenn man sich seinen Zigaretten Konsum mal so anschaut
kommt man aber schnell zu dem Schluss, dass ihm so ein bisschen Quecksilber nicht mehr wirklich schaden dürfte.
Is scheiße!
Ich weiss nicht wiso aber ich kann auf meinen Blog nichts verlinken, deshalb hier der Link zu meien leider noch recht spaerlichen Fotos. Ich arbeite aber an weiteren Uploads soferen mich die Regierung laesst.
Stehende Luft. Nichts bewegt sich. Mehrere Stechmücken hängen regungslos vor meinem Gesicht wie an unsichtbaren Gummibändern. Ich versuche eine von ihnen zu erschlagen, muss aber gleich feststellen, dass die wechselwarme Lebensform in diesem Klima deutliche Vorteile mit sich bringt. Die Geckos schießen mit annähernder Lichtgeschwindigkeit an den Wänden entlang, als ob es keinen Winter gäbe. Auch in Sachen Körpergröße haben besonders die hiesigen Insekten den in Deutschland ansässigen einiges voraus. So sind die Zikaden, die ich zu Hause als lustige hemdknopfgroße Hüpftierchen kennen gelernt habe hier größer als ein Teelicht und zudem Urheber eines für mich bislang unerklärlichen Lärms, der jede Konversation im Keim erstickt.
Alles was 4 Herzkammern besitzt ist allenfalls nachts oder früh morgens in einem nicht lethargischen Zustand anzutreffen. Einzige Ausnahme: Asiaten.
Der größte feind des Warmblüters ist hier der Stromausfall. Frei nach dem Motto: „Stillstand ist Tod“ glaubt man in dem Moment, in dem sich die Rotoren der Ventilatoren auf hören zu drehen, einen langsamen und qualvollen Tod sterben zu müssen, schüttet man nicht unverzüglich mehrere Liter Wasser in und über sich. Jede weitere Bewegung sollte einer strengen Kosten-Nutzen Berechnung unterzogen werden. Begibt man sich zum Beispiel an Orte an denen die Luftzirkulation etwa durch geschlossene Türen unterbrochen wird so ist dies unverzüglich am ganzen Körper spürbar. Unter diesen Umständen kann auch ein für gewöhnlich eher erleichternder Prozess wie der „Toilettengang“ zu ungeahnten Schweißausbrüchen führen.
Resultate einer Umfrage, die ich zum Thema Hitze durchgeführt habe:
„Es ist doch erst Mai. Wenn ihr glaubt das ist heiß, dann wartet mal bis nächsten Monat.“
Und
„Sommer in Vietnam ist, wenn du aus der kalten Dusche kommst und denkst: Hey, ich bin ja noch nass… Ach nein ich schwitze.“
P.S.:
Der Schweiß ist mir an meinen Dreads herunter gelaufen und hat die Ärmel meines T – Shirts durchnässt.
Jetzt sind sie ab. Der Effekt ist erstaunlich und die Zerstörung eines wichtigen Lebensraums zahlreicher Insekten und Kleinstlebewesen somit vollkommen gerechtfertigt.
Nach erfolgreichem Test mal wieder was mit Inhalt
20.15Uh
Nach dem ich mich in der Toilette am Fußende meines Bettes geduscht habe. Stets darauf bedacht, nichts über den „asiatisch normal“ hohen, für mich allerdings in Brusthöhe endenden, Raumteiler zu spritzen, verlasse ich meinen 5€ Wandschrank und gehe freundlich nickend an der Rezeption vorbei aus dem Hotel.
Jetzt beginnt der Kampf. Ich quetsche mich zusammen mit einigen anderen Menschen, die teilweise auf Motorrädern sitzen, durch eine enge Seitenstraße an den bereits hier unzähligen Verkaufsständen und fahrenden Händlern vorbei. Sage zu allem was mir vor die Nase gehalten wird so entschieden wie möglich „no“ und versuche, nach Möglichkeit dabei nicht stehen bleiben zu müssen und aus dem Strom geschoben zu werden.
20.20Uhr
Geschafft nach 10m trete ich ins Freie einer großen Straße. Einer Parallelstraße zu der Kao San Road, DER Touristenstraße Bangkoks. In diesem Viertel kommt das Verhältnis von Asiaten zu Weißen dem von Berlin recht nahe und die einzigen Thailänder, die man hier sieht, wollen einem entweder irgendetwas verkaufen oder sitzen auf dem Boden, halten die Hände auf und zupfen einem am Hosenbein, wenn man versucht, unbehelligt an ihnen vorbei zukommen. Um halb neun bin ich verabredet und versuche daher schneller voranzukommen als die anderen fische in diesem Meer von Menschen, scheitere aber kläglich und versuche also weiterhin meinen Vordermännern nicht allzu heftig in die Hacken zu treten.
Dass sich die Straße dem Ende neigt, merkt man daran, dass sich die Reihen langsam lichten und man freie Sicht auf eine in jede Richtung 2 spurige Fahrbahn bekommt. Da nur noch drüber und ich bin raus aus der Tourismusschwerindustrie. Doch vorher muss ich mich noch mit Händen und Füßen gegen die Taxi- und Tuktukfahrer währen. Die einem hier anbieten einen direkt zu einer der anderen Touristenfallen oder zum Flughafen oder zum Bahnhof oder zur großen Busstation oder oder… oder einfach im Kreis zu fahren. Sie sind hier mindestens genauso hartnäckig wie die Stechmücken. Wenn man es geschafft hat, nicht einfach in eines der bereitstehenden Tuktuks, jenen meist wild geschmückten und sehr lauten dreirädrigen Pritschenwägen, die das Nummer 1 Touristenbeförderungsmittel in Thailand darstellen, gezogen zu werden, muss man nur noch energisch und glaubhaft versichern dass man kein Interesse an den angebotenen Drogen und Frauen hat, die sie auf Fotos in der Brusttasche mit sich führen. Alles „very good quality“ versteht sich.
20.40Uhr
Die 2 deutschen Mädels, die ich am “long beach” auf Ko Chang getroffen habe, haben schon bestellt und Lina, mit der ich die Mission „Jahresvisum für Vietnam holen“ einst gestartet habe, kommt kurz nach mir zur Tür rein. Wir sitzen im May Kadee, einem veganen indischen Restaurant, dass neben dem Gastronomiebetrieb auch eine Kochschule und eine Jugendherberge unterhält. Das Essen hier ist gut, scharf und relativ günstig. Für ca. 4€ kann man hier ein ordentliches und natürlich veganes Curry mit Reis und Getränk haben.
Nach dem Essen werden die verschiedenen Pläne für die weitere Abendgestaltung vorgetragen. Die Übereinstimmungen liegen bei „n paar Bierchen trinken“ ( Vorschlag Lina, die noch vor hat, sich mit einer weiteren Ko Chang bekanntschaft zu treffen ) und „nochmal ordentlich shoppen gehen“ (Vorschlag von den Mädels, die an ihrem letzten Tag in Asien keine Gelegenheit auslassen wollen, noch etwas billig zu kaufen ).
21.30Uhr
Nachdem wir uns die Grundkenntnisse der psychologischen Kriegsführung angeeignet und einen kurzen aber präzisen Angriffsplan ausgearbeitet haben, ziehen wir wieder in die Schlacht. Diesmal allerdings unter anderen Umständen. Wir sind im Rudel und wild entschlossen. Die Taxi- und Tuktukfahrer werden entweder nicht beachtet oder über den Haufen gerannt. Wenn einem jemand am Ärmel zupft und eindringlich auf seine Wahre deutet wird er ohne Umschweifen nach dem Preis gefragt und darauf nach einem kurzen hönischen Lächeln der eigene Wunschpreis genannt. Sagt der Händler ja – sofort mitnehmen, sagt er nein, einfach weiter gehen. Beide Parteien wissen, dass irgendeiner der anderen Händler auf unser Angebot eingehen wird und so wird man meist nach wenigen Schritten wiederholt am Ärmel gezupft und mit den Worten „ok ok ok“ besänftigt. Es geht ausschließlich darum, sein Pokerface zu bewahren und schon kehren sich die Verhältnisse um. Wir haben das Geld und damit die Macht, aber vor allem haben wir jetzt die Wahl. Alle 3 große Faktoren und wir machen hemmungslos von ihnen Gebrauch.
22.40Uhr
Bangkok ist ein Dorf. So wie jede andere große Stadt auch. Lina, Jochen ( Linas Long Beach Bekanntschaft ) und ich haben jeder ein paar T-Shirts erlegt, während sich die Mädels mit ihren 2 Rucksäcken und einigen Einkaufstüten Beutegut nur schwer zufrieden geben.So treffen wir erst auf einen Mexikaner und seine Freundin, die er genauso wie wir ihn auf Ko Chang kennen gelernt hat und anschließend auf die ebenfalls deutschen Freiwilligen unserer Organisation, die uns letzte Woche empfohlen haben nach Ko Chang zu gehen. Sie befinden sich auch gerade auf ihrem „Visa-run“, wie wir die inzwischen uns allen wohl bekannten Nonsensausflüge getauft haben. Sie sind allerdings aufgrund der gestrigen Nacht nicht an den als nächstes auf der Tagesordnung stehenden paar Bierchen interessiert.
So gegen 11
Das mit den Bierchen hat ganz gut geklappt. Wir sitzen in einer Reaggebar, in der Chillermusik auf einer Lautstärke zu Gehör gebracht wird, dass nicht einmal Taube ruhig bleiben könnten und schreien uns über unsere leeren Bierflaschen hinweg Konversationsbrocken entgegen, die sich meistens auf „noch eins?“ und wahlweise „ja“ oder „was?“ beschränken. Die Bar befindet sich in einer Seitengasse einer Seitengstraße einer Parallelstraße der Kao San Road und ist genauso für den Tourismus ausgelegt, dieser findet hier aber nicht statt. Da ich am Rand des Tisches sitze, muss ich immer aufpassen, dass eines der vorbeifahrenden Motorräder nicht mit der Fußraste an meinem Knie hängen bleibt oder wahlweise meinen Stuhl mit nimmt.
Etwas später
Jochen fliegt morgen Heim, muss deswegen früh aufstehen und ist auch schon recht bald gegangen. Lina ist auch schon weg. Bin mit dem Zwillingen dann weiter gezogen und schließlich in einem Club angekommen, in dem eine ausgesprochen gute asiatische Band vor, abgesehen von uns, asiatischem Publikum westliche Popmusik darbietet. Das ganze passiert in einer Lautstärke, dass einem beim Betreten des Raumes sofort die Ohren weh tun. Brauche auch keine Angst zu haben, dass das Bier, das ich von den Mädels mit dem Kommentar: „wenn du den Preis gesehen hättest, hättest du gleich wieder angefangen zu flennen“ ausgegeben bekommen habe, warm wird, da die Temperatur um den gefühlten Gefrierpunkt kreist und wahrscheinlich nur knapp über dem echten. Altes thailändisches Sprichwort: „Je reicher das Haus, desto stärker die Klimaanlage“. Trotz der guten Band hält uns nichts länger als ein Bier in diesem mittlerweile auch schon recht leeren Eisschrank.
Wahrscheinlich schon 12
Das Kondenswasser, das sich beim verlassen des Clubs auf uns niedergeschlagen hat, ist bereits getrocknet und es ist nur noch Schweiß, der mein T-Shirt am Körper kleben lässt. Wir befinden uns auf der suche nach einem Bier ohne Provider, sind damit im 7 eleven gerade abgewiesen worden („no alcohol after 10pm“). Aber zum Glück gibt’s ja noch den „FlamilyMart“. Für jeden 2 große ( 0,7 ) Tigerbeer und dann ein ruhiges oder ruhigeres Plätzchen auf dem Bürgersteig in Beschlag nehmen. Die Taxis und Tuktuks stehen weitest gehend still und die Fahrer haben sich nun komplett auf den Handel mit Drogen und Frauen verlegt, die Leute die hier jetzt noch unterwegs sind, schlafen auch hier. Allgemein scheint sich die Atmosphäre zu entspannen, es gibt weniger aber dafür lautere Musikquellen, das wabernde Meer aus Menschen hat sich in kleine Grüppchen verlaufen, die ersten Händler fangen an, ihre Sachen zu packen, und die meisten Obdachlosen haben sich bereits in den Seitengassen zur Ruhe gelegt. Wir sitzen auf der Straße und erzählen uns was, haben aber keinen Kontrabass.
Exakt 12 Uhr 37 12/17…. und ein paar 100stel vielleicht
„Ähy seids ihr deutsche?“ erreicht uns eine Kontaktansage von oben ( bei näherem betrachten wohl eher schräg links hinten ). Auf unser bejahendes nicken hin wankt ein ziemlich großkalliebriger, noch nicht ganz 30-jähriger mit kurzen blonden Haaren und Sonnenbrand unter dem Muscleshirt in das Licht der Straßenlaterne, betrachtet uns kurz abwägend und setzt sich dann mit einem äußerst erleichterten „Gottseidank“ neben mich. Das erste was er wissen will, ist, wo wir her kommen, da er aus dem logischerweise unübertroffenen München kommt.
„Nürnberg“
„Ah, also auch a Bayer“
Aus einem unüberlegten Anflug von Regionalpatriotismus heraus sage ich „nein Franken“, um dann auch gleich zurecht gewiesen zu werden: „ Halts Maul, bist a Bayer“.
Danach erfahren wir, dass er gerade noch in Australien war und hören einiges über das Drecksloch, in dem er hier gelandet ist. Eines der Mädchen fragt ihn nach einer Zigarette, um seinem Monolog Einhalt zu gebieten, bekommt diese aber erst nach der Belehrung, dass des in Bayern „bidde“ heißt. Um seine dennoch freundlichen Absichten zu bekräftigen, drückt er mir mit den freundlich, auffordernden Worten „dringg“ seine vielleicht noch 1/3 vollen 2,5 Liter-Eimer long island icetea in die Hand ( bestimmt nicht sein erster ).
Eine gefühlte Ewigkeit später
Wir dringen langsam zum Kern des Problems vor. Dieser eben aus Australien eingeflogene, oberbayrische Holzfäller teilt sich ein Hotelzimmer mit 2 kurz vorher kennen gelernten Norwegerinnen, die anscheinend auch den Schlüssel für eben dieses haben. Er ist nur mal kurz vor die Tür gegangen, um „a bissl was zu dringgn“ ( vermutlich 2 – 3 Kästen Bier ) und hat jetzt keine Ahnung mehr, wo er und vor allem nicht wo das Hotel ist. Nach langer Arbeit in perfektem Teamwork können wir ihn von einer unserer zugegebenermaßen recht wagen Richtungsprognosen überzeugen und er steuert wieder los. Wir öffnen unser inzwischen warmes 2. Bier und überlegen, wo wir in unserer Unterhaltung stehen geblieben waren.
Bestimmt schon nach 3
Die ersten Mönche kommen aus dem Tempel gegenüber auf die leere, aber von der Party verunstalteten Straße, um den vereinzelten dort wartenden, zumeist alten Leuten nach Erhalt von Frühstück einen Segen zu erteilen.
Wir haben sowohl unsere Biere wie auch unsere Unterhaltung beendet, uns gegenseitig ein schönes weiteres Leben gewünscht und sind dann von starkem Harndrang geplagt im Laufschritt auseinander gegangen.
Wenig später
Ich kämpfe mich durch die gallertartige Luft in meinem Zimmer zur Toilette. Danach schalte ich die Klimaanlage, mit der man in dem kleinen Raum wahrscheinlich einen sibirischen Winter hätte simulieren können, ein und putze mir über dem aus Platzgründen eingesparten Waschbecken die Zähne.
Kurz bevor es hell wird
Ich liege in meinem Bett und denke mir, was für ein Glück ich habe, dass die Disco von unten schon Schluss gemacht hat.
Morgen geht’s endlich wieder Heim. Nach Vietnam.
Dass ich in meinem Haus kein Internet habe hab ich bereits erwaehnt. Was die Sache dann noch schwieriger macht, ist, dass ich es bis jetzt nur in 2 von einigen Internetcafes geschafft habe mit meinem PC online zu gehen. Dazu kommt jetzt, dass Stromausfaelle hier nichts seltenens sind. Die sind meistens Strassen oder Block begrenzt und vagabundieren nach einem bis jetzt noch nicht offenbartem Plan durch die Stadt. Wenn also der Nachbarblock dunkel ist kann man sich darauf einstellen auch bald keien Strom zu haben. Nun hab ich letztens mal ein Internetcafe besucht in dessen Block der Stromausfall gerade nicht war und dann wird mir erzaehlt, ich koenne keine Texte mehr publishen. Entwerder hat die Regierung eine allgemeine uploadsperre verhaengt oder das Internet in diesem speziellen Cafe war irgendwie schwaecher als anderswo.
Wenn dieser Eintrag jetzt erscheint heisst das wenigstens, dass es in diesem Cafe und mit diesem PC moeglich ist einen Blog zu unterhalten. Was ja schon mal ein kleiner Lichtblick waere.
Undabdafuer…
Lina ist älter als ich. Viel älter sogar. Das fällt die meiste Zeit natürlich nicht auf, wird aber in manchen Bereichen umso deutlicher.
Damals als ich noch 19 Jahre alt war, also noch vor dem 13.2. habe ich probiert ihr zu erklären, dass man den gleichen Weg den man gekommen ist nicht wieder zurück geht. Sei es nun aus rein ideologischen Gesichtspunkten oder einfach nur, dass man, gesetzt den Fall man hat sich verlaufen, immer noch so tun kann als kenne man sich aus, indem man nicht noch einmal an den gleichen Leuten vorbei kommt.
Sie hat es bis zum Schluss nicht verstanden.
Wenige tage später war ich mit Julia in Viet Tri unterwegs, wo sie sich, da sie schon 6 Monate vor mir hier war, bewegt wie ein Hamster in seinem eigenen Käfig, dem ich nur blind durch sein „Spiellabyrinth“ zum nächsten Futternapf folgen kann. (Sehe dabei wahrscheinlich auch eher aus wie ein Käfer, der versucht eine vierspurige Straße zu überqueren.)
Julia ist 3 tage jünger als ich und damit im Verhältnis zu Lina, die inzwischen schon stark auf die 22 zu geht auch noch ein echter Teeny. Auf unsrem Rückweg biegt sie unerwartet ab und sagt auf meinen fragenden Blick hin „ich wollte nur nicht den gleichen weg nochmal gehen“.
Vietnamesisches Sprichwort des Tages: Umwege erhöhen die Ortskenntnis.
Die scheinen auch alle noch etwas jünger zu sein als Lina.
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich inzwischen aufgehört habe mich mit Lina auf irgendeine Diskussion einzulassen. Ein Grund ist, dass sie der festen Überzeugung ist, dass „alles einfach nicht richtig ist was [ich] sage.“ Der andere ist, dass sie, sollte dies mal der Fall sein, keine oder weniger Ahnung als ich von irgendeinem Thema hat, „ nur dagegen redet, um was gegen [mich] zu sagen.“ Lina ist außer dem, wie man an einem nun schon 5 jährigen Dasein als Veganerin zu erkennen vermag, von ihren jeweiligen Überzeugungen nicht gerade leicht abzubringen. Was es für mich zu einer zeitweilig noch ungelösten Herausforderung macht etwas Richtiges zu sagen bzw. zu denken.
Es gibt nur wenige Menschen hier mit denen ich soviel lache und Spaß habe wie mit Lina und Julia aber das Privileg Recht haben zu dürfen habe ich noch nie gehabt und werde es wohl auch so schnell nicht bekommen. Liegt wohl an meiner mangelnden Lebenserfahrung.
Zitat des Tages: „ viele Leute halten alle meine aussagen für Schrott,
scheiß drauf selbst Jesus kam im Auftrag von Gott“
( Huss und Hodn )
Alles ist ruhig es ist halb elf abends also eine Zeit zu der normale Leute schon seit einer halben Stunde friedlich schlummernd an ihren Matratzen horchen. So auch Julia und Lina, ich sitze noch in meinem Zimmer und lese, muss ja morgen erst um 10 in die schule.
Unten auf der Straße hört man einen Motorroller vorfahren und kurz darauf jemanden am Metalltor rütteln. Ich mache mich auf meinen Weg nach unten und höre schon ein Mädchen nach Julia rufen. Die mir zusammen mit Lina jetzt auch schon dicht auf den Fersen ist.
Unten vor dem Tor steht Linh und hinter ihr ihr Onkel auf seinem Roller. Sie erklärt, dass ihr Onkel einen neuen Job hat und morgen etwas zusammen bauen muss dessen Betriebsanleitung allerdings auf englisch ist und ob ich nicht mitkommen wollte um bei der Übersetzung zu helfen.
Ich hab mir also Schuhe und Julias Wörterbuch geschnappt, sehr zur Freude der Nachbarn die Minsk angeheizt und bin mit zu Linhs Haus gefahren.
Dort saßen ihr Vater und noch irgendein Mann schon vor einem Haufen Einzelteile auf dem Wohnzimmertisch. Ich bekomme eine Bauanleitung die wahlweise auf englisch und französisch zuhaben ist und sich einer Bauanleitung gemäß auf Fachbegriffe beschränkt, die ich genauso wenig verstehe wie die Vietnamesen. Mir bleibt schließlich nichts anders übrig als Tante Google zu diesem Thema zu befragen.
Während ich also auf dem Bett, in dem Linhs Mutter bereits schläft sitzend die Seriennummern und Typenbezeichnungen der verschiedenen Teile aus dem Haufen in die Suchmaschine einhacke, werden mir 2 Dinge klar. Zum einen, dass es sich bei den am folgenden Tag zu erstellenden Bauelementen um Verbindungsstücke für Starkstromkabel handelt, die mit einigen selbst verschweißenden hightech Isolierbändern und mehreren verschiedenen Kunstharzen für ihren Offshoreeinsatz gerüstet werden sollen. Zum anderen aber auch, dass ich hier zum ersten mal direkt und live die Möglichkeit habe den Kapitalismus von der anderen Seite kennenzulernen, was ja zum teil auch ein Grund für meine „Zivildienstortswahl“ war. Jetzt habe ich den Beweis vor mir liegen. Es ist für große europäische ( in diesem Fall englische ) Unternehmen billiger die bei sich ( hier neben England Frankreich und Deutschland ) gefertigten hochqualitativen Einzelteile in ein 200 000 Einwohnernest in Vietnam zu schippern, sie dort von einem Arbeiter, der keinerlei Bezug zu und meistens auch nicht die nötige Ahnung von der Materie hat, zusammenstöpseln zu lassen und das Endfabrikat dann in Europa wieder teuer zu verkaufen.
Über diesen Umstand rege ich mich noch auf nach dem ich mit Linhs Onkel und seinem Kollegen 2 Bier auf ex gezischt habe und mich die Minsk schon wieder heimwärts donnert. Um 1 Uhr nachts! Der Kapitalismus schläft eben einfach nicht.
Wer “so” sagt hat kei lust hab ich mir mal sagen lassen. Das erklärt dann vielleicht auch wiso ich jetzt schon über 3 Monate in Vietnam lebe und es immernochnicht geschafft habe einen Blog einzurichten…. Bis jetzt! Aus diesem Grunde hege ich schon gar nicht mehr die Absicht einen chronoligisch halbwegs stimmigen Ablauf hin zu bekommen sondern schreibe nur gelegentlich auf was mir hier in Süd-Ost-Asien so passiert oder passiert ist.
Die Möglichkeiten ins Internet zu kommen sind zu mindest wo ich wohne relativ schwierig. D.h. ich muss um mit meinem Laptop online zu gehen in eines der “Wifi-cafes” ca. 1km die Straße runter. Einer der “Internetschuppen”, in dem die vietnamesische Jugend den ganzen Tag am Egoshooter zocken ist, ist aber gleich um die Ecke.
Ach ja wo wohne ich eigentlich. Die Stadt heißt Viet Tri und liegt ca. 85km nordwestlich von Hanoi und beherbergt knapp 170 000 Einwohner. Sie ist auf grund der gut ausgebauten Industrie Hauptstadt der Provinz “Phu Tho” und war vor langer Zeit auch mal die erste Hauptstadt von Vietnam. Dadrauf sind die Leute hier immernoch mächtig stolz und die Bewohner der größeren und zugegebener maßen auch schöneren Stadt Vinh Yen ( 28 km richtung Hanoi ) auch mächtig neidisch. Das Leben hier ist ruhig und beschaulich und ich bin jedes mal froh wenn ich nach einem Wochenende in Hanio wieder hier her zurück kann. Man hat hier alles was man zum leben braucht, außer ein Nachtleben ( sowas gibts außerhalb von Hanoi sowieso nicht ) dafür aber auch keine doofen Touristen.
So schaut die Ausgangslage aus. Mehr gibts wenn ich wieder lust habe.
Tam biet
Christoph